Ein roter Lackmini für fünf Mark. Gelbe Plateaustilettos auf einem Bücherstapel. Ein Rosenkranz an unerwarteter Stelle. Ein getragener String in der Innentasche eines Anzugs. Gereon Altholt erinnert sich an solche Dinge erstaunlich genau. Ganze Jahre sind dagegen deutlich schlechter archiviert.
Nur im Bett versammelt autobiografische erotische Essays über guten Geschmack und seine gelegentlich sehr lustvolle Beschädigung. Altholt liebt die strenge Eleganz eines Robert-Palmer-Videos ebenso wie demonstrativen Trash: grellen Lack, absurde Absätze, überlange Fingernägel und Hotelzimmer, deren Einrichtung keinerlei ästhetische Ambitionen erkennen lässt. Er fragt sich, weshalb ausgerechnet solche Bilder und Gegenstände Jahrzehnte überdauern und was sie mit den Menschen zu tun haben, mit denen er sie verbindet.
Seine Erinnerungen beginnen in der Punk- und Wave-Szene der achtziger Jahre, führen über studentische Wohngemeinschaften und eigenwillige Frauen in die Motels Neuenglands und schließlich zu Mara, seiner Frau. Die beiden teilen nicht nur einen ausgeprägten Geschmack, sondern auch die Freude daran, ihn im richtigen Moment gründlich zu strapazieren. Von den beteiligten Frauen hat Altholt dabei mindestens so viel über Begehren gelernt wie aus seinen Büchern. Manches allerdings erst im Nachhinein.
Kunstgeschichte, Popkultur und Kulturwissenschaft mischen sich ungeniert ein. Was haben Fetischmode und gesellschaftliche Distinktion miteinander zu tun? Weshalb kann ein ordinäres Wort im Bett genauer sein als ein höfliches? Was geschieht mit einem religiösen Symbol, wenn es einen neuen erotischen Gebrauch findet? Zwischen Bettie Page, Hans Bellmer, Bourdieu und Bataille nimmt Altholt seine eigenen Vorlieben ebenso ernst wie die Absurditäten, die sie gelegentlich hervorbringen.
Die sexuellen Erinnerungen sind explizit, die theoretischen Abschweifungen gelegentlich ebenso schamlos. Altholt erzählt mit Witz, Selbstironie und einem genauen Blick für Materialien, Gerüche, Musik und jene Einzelheiten, die dem Gedächtnis wichtiger sind als jede vernünftige Ordnung. Eine Chronik seines Sexuallebens wollte er nicht schreiben. Herausgekommen ist ein ziemlich persönliches Archiv des Begehrens.
Der Geschmack verschwindet nicht. Er wechselt das Register.
Gereon Altholt ist introvertiert auf eine Weise, die erstaunlich viel Lärm verursacht. Er hat Kunstgeschichte studiert und arbeitet mit Kunst. Hans Bellmer, Oskar Kokoschka und Neue Musik gehören ebenso zu seinem Leben wie Punk, Fetischmode und die bemerkenswerten Dinge, die dem guten Geschmack gelegentlich dazwischenkommen.
Er interessiert sich für Ästhetik und ihre Grenzverletzungen, für die Erotik künstlicher Oberflächen, die Haltbarkeit sexueller Erinnerungen und Frauen mit einer gewissen Begabung, Erwartungen zu enttäuschen. Auch seine.
Altholt schreibt autobiografische Essays, in denen persönliche Erlebnisse auf Kunstgeschichte, Popkultur und Kulturwissenschaft treffen. Sein erzählerisches Material hat sich über Jahrzehnte angesammelt: in Schallplattenregalen, auf Reisen, in ungewöhnlichen Begegnungen und in Hotelzimmern unterschiedlicher Preisklassen. Die Theorie darf dabei mit ins Schlafzimmer. Sie sollte allerdings wissen, wann sie den Mund zu halten hat.
Gereon Altholt ist ein Pseudonym. Seine Frau Mara kennt sein erotisches Archiv ziemlich genau. Sie besitzt außerdem ein eigenes. Der gegenseitige Austausch ist rege.
Wir müssen uns Gereon als einen glücklichen Menschen vorstellen.
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