Als sich Japan Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Meiji-Restauration in rasantem Tempo modernisierte und westlich orientierte, hielt Lafcadio Hearn (1850-1904) das im Schwinden begriffene, traditionelle Land in seinen feinsinnigen Skizzen fest. Doch anders als zeitgenössische Reiseschriftsteller faszinierten ihn keine exotischen Fassaden. Sein Interesse galt der Seele des Landes: seinen Mythen, seiner religiösen Alltagswelt und dem Übernatürlichen. Die in diesem Band versammelten acht ausgewählten Essays erscheinen hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung und schließen so eine bedeutende Lücke im deutschsprachigen Werk des Autors. Das Buch nimmt den Leser mit auf eine faszinierende Reise zu den Meisho, den denkwürdigen und geschichtsträchtigen Orten des Landes. Hearns Wanderungen führen vom heiligen Berg Fuji über die abgelegenen Oki-Inseln bis hin zu den Fischerdörfern der Suruga-Küste. Dabei wird die Schilderung realer Orte immer wieder zu einer tiefgründigen Reflexion über Natur, Vergänglichkeit und das Unheimliche. Die Texte bilden das Fundament für spätere weltbekannte Meisterwerke wie Kwaidan. Ein unverzichtbarer literarischer Schatz, der den großen Vermittler zwischen Ost und West, der schon Denker wie Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig begeisterte, noch einmal von einer neuen Seite zugänglich macht.
"Japan hat sein Adoptivkind verloren", schrieb Hugo von Hofmannsthal unter dem Eindruck von Lafcadio Hearns Tod im Jahre 1904. Hearn kam 1890 im Alter von 40 Jahren nach Japan. In einer Zeit, als andere westliche Besucher instruierend und belehrend auftraten, betrat Hearn das Land um zu lernen und zu verstehen, was japanische Kultur und Mentalität ausmacht. Er heiratete eine Japanerin und nahm schließlich auch die japanische Staatsbürgerschaft und den japanischen Namen Koizumi Yakumo an. Parallel zu seiner Tätigkeit als Lehrer an Schulen in Matsue und Kumamoto, später an der Universität von Tokyo, verfasste er mehr als ein Dutzend Bücher über Japan. Wie keinem anderen Ausländer gelang es Hearn in seinen Schriften, die japanische Lebens- und Denkweise für die westliche Welt verständlich zu interpretieren. Dabei galt sein Interesse stets dem Sonderbaren, Übernatürlichen und Befremdlichen. Hearns Sammlung unheimlicher Geschichten, Nacherzählungen japanischer Legenden und Volkssagen, stellt einen wichtigen Bestandteil seines Gesamtwerkes dar. Hearns Werke haben das westliche Bild Japans im beginnenden 20. Jahrhundert entscheidend geprägt. Auch heute noch gilt Lafcadio Hearn im Land der aufgehenden Sonne als der Ausländer, der die japanische Kultur und Lebensweise am tiefgründigsten verstanden und beschrieben hat.
Klaus Lerch (Hrsg.)
Klaus Lerch ist ein deutscher Autor, Übersetzer und Herausgeber von Büchern zur Geschichte und Kultur Japans.
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