Zeit gehört zu den Grundbegriffen philosophischen Denkens und zugleich zu denjenigen, die sich jeder abschließenden Theorie hartnäckig entziehen. Kaum ein anderer Begriff verbindet so selbstverständlich Alltagsgewissheit mit systematischer Irritation: Wir leben im zeitlichen Nacheinander, wir ordnen Erfahrungen, Handlungen und Erinnerungen zeitlich. Und doch gerät gerade diese Selbstverständlichkeit ins Wanken, sobald nach der Realität dessen gefragt wird, was Zeit eigentlich sein soll. Der Autor nimmt den Zeitbegriff in zwei markanten Ausprägungen in den Blick: in der sprachanalytisch zugespitzten Zeittheorie von McTaggart und in der transzendentalphilosophischen Bestimmung der Zeit bei Kant. Ausgangspunkt ist McTaggarts berühmter Irrealitätsbeweis, der die Zeit, wie sie uns erscheint, als widersprüchlich ausweist. Kant wiederum bestreitet nicht die Zeit als solche im Sinne einer bloßen Illusion, er bestreitet vielmehr ihre absolute (subjektunabhängige) Realität und begründet gerade dadurch ihre empirische Realität: Zeit ist bei ihm die Form a priori des inneren Sinnes, also subjektive Bedingung der Anschauung, und eben deshalb notwendige Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung. Kants transzendentale Wende besteht darin, dass er die subjektiven Formen der Anschauung (Raum und Zeit) nicht als bloße Einfärbung einer an sich zeitlichen Welt versteht, sondern als notwendige Struktur unseres Erkennens, ohne die überhaupt keine Erfahrung von Veränderung möglich wäre. Dadurch sind die scheinbaren Widersprüche der Zeit (etwa ihre Unendlichkeit oder die Spannung von Kontinuität und Diskretion) nicht als Eigenschaften der Dinge, sondern als Grenzen unseres Erkenntnisvermögens zu verstehen. McTaggart ignoriert diese transzendentale Verschiebung und behandelt die Zeit so, als müsse sie hinter der Erfahrung als eigenständige ontologische Größe widerspruchsfrei existieren. Indem er den transzendentalen Status der Zeit nicht berücksichtigt, kritisiert er etwas als widersprüchliche Realität, was bei Kant gerade ausdrücklich nicht als Realität der Dinge an sich, sondern als Bedingung der Erscheinungen bestimmt ist. Wessen Zeitbegriff überzeugt am Ende mehr?
Thomas Bolte (M.A.), Jahrgang 1975, studierte Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Bonn, Duisburg, Essen und Hagen. Er publiziert seit Mitte der 1990er Jahre als Journalist für die Tages- und Fachpresse und ist als Wirtschaftsredakteur (Volontariat) ausgebildet. Seit 2010 ist er in der Unternehmenskommunikation tätig mit Schwerpunkten in strategischer Kommunikation, Finanzkommunikation, Nachhaltigkeit und Reputationsmanagement. 2025 schloss Thomas Bolte an der Quadriga Hochschule Berlin ein Zertifikatsstudium zum Senior Expert Nachhaltigkeitskommunikation und Strategie ab.
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