Schlagworte: Musik im Nationalsozialismus, Erinnerungskultur, Wehrmachtslieder und NS-Propaganda, Mündigkeit und kritisches Hören, Macht von Liedern und Ritualen
"Im Gleichschritt" beginnt mit zwei starken Kindheitserinnerungen aus den frühen 1960er Jahren: Da pfeift der Vater des Autors gut gelaunt ein Lied, das einmal zu den beliebtesten Soldatenliedern der Wehrmacht gehörte. Und da ist der Musiklehrer, der seine Klasse an einem 8. Mai auffordert, sich zu einer Schweigeminute zu erheben, um gemeinsam der Opfer des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur zu gedenken. Gerade das erweist sich als ein Schlüsselmoment im Leben des Autors: Zum ersten Mal ahnt er, dass Musik einiges mit Mündigkeit, bewusst gelebter Freiheit und kritischem Hinhören zu tun hat. Auf diesen persönlichen Erinnerungen baut das Buch seine Analyse auf. Der erste Teil zeichnet die Strukturen und Formen des NS-Musiklebens nach, von Propaganda und Parteiliedern über Kirchenmusik bis hin zum Singen im Krieg und in den Konzentrationslagern. Der zweite Teil zoomt in die mittelfränkische Kleinstadt Leutershausen und zeigt quellennah, wie das örtliche Musikleben Stück um Stück in den Dienst und Dunst des Regimes geriet. "Im Gleichschritt" ruft die Macht von Liedern, Ritualen und Sprache ins Bewusstsein und geht deren Wirkungen auf den Grund.
Rainer Schulz, Dr. theol., war als evangelisch-lutherischer Gemeindepfarrer in Deutschland und Chile tätig. Er wurde für seinen Einsatz um Frieden und Gewissensfreiheit während der Pinochet-Diktatur in Chile mit der Friedensmedaille der römisch-katholischen Kirche ausgezeichnet. 2024 erschien die preisgekrönte Arbeit "Die Partei ruft" über die NS-Zeit.
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