»Diese Bücher enthalten den ersten Versuch einer umfassenden Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, welche als ein in sich selbst Bestehendes außerhalb der Geschichte des Papsttums und des Reichs noch nicht vorhanden ist. Die Römer, deren besondere Aufgabe es sein mußte, sie zu schreiben, sind durch viele Ursachen davon zurückgehalten worden. Sie haben nur schätzbare Beiträge und Materialien für ein solches Nationalwerk zusammengebracht. Wird man es deshalb vermessen nennen, wenn ein Nichtrömer, ein Deutscher, sich an dies schwierige Unternehmen wagt? Ich fürchte es nicht; nicht allein weil die Wissenschaft ein freies Gebiet ist, sondern auch weil nächst den Römern und Italienern kein anderes Volk einen näheren und gleich nationalen Bezug auf die Geschichte Roms im Mittelalter hat als das deutsche. Denn seit den Gothen Theoderichs, welche zuerst Rom beherrscht und mit Ehrfurcht aufrecht gehalten haben, seit den Franken Pippins und Karls, welche diese Stadt aus der Gewalt der Langobarden und Byzantiner befreiten und wieder aufrichteten, hat Deutschland in langen Jahrhunderten durch das germanisch-römische Reich ein außerordentliches Verhältnis zu Rom gehabt. Rom ist ein unverlöschlicher Ruhmestitel für die deutsche Nation, die mittelalterliche Geschichte der Stadt ein unzertrennlicher Bestandteil der Geschichte Deutschlands selbst geworden. Als ich den Gedanken dieses Werkes faßte, wurde mein Plan dieser: aus allem vorhandenen und mir zugänglichen historischen Material und mit Hilfe langjähriger Kenntnis der Monumente und Lokale die Stadtgeschichte darzustellen, von dem ersten Falle des kaiserlichen Rom unter die Gewalt der Westgothen Alarichs im Jahr 410 bis auf den letzten Fall der päpstlichen Stadt im Jahre 1527 unter die Gewalt des Kriegsvolks Karls V. im Beginne der Reformation, durch welche die alte Verbindung Deutschlands mit Rom zerrissen wurde. In diesem großen Zeitraume von mehr als elf Jahrhunderten wird Rom für den Geschichtschreiber der feste Standpunkt und die hohe Warte bleiben, von der aus er die Bewegung der mittelalterlichen Welt beobachten darf, soweit sie von dieser Stadt Impulse empfängt oder in lebendigem Bezuge zu ihr steht. Denn Rom hat zwei Naturen, eine munizipale und eine kosmopolitische, und beide sind nicht völlig voneinander trennbar. So war es im Altertum, so blieb es auch im Mittelalter.« [Textauszug]
Ferdinand Gregorovius (1821-1891), deutscher Schriftsteller und Historiker, machte das Abitur an der Friedrichsschule Gumbinnen und studierte Theologie, Philosophie, Philologie und Geschichte an der Universität Königsberg. Er promovierte zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Plotin und die Neuplatoniker. 1841 verließ er die Universität. 1852 ging er nach Italien, das ihm eine zweite Heimat wurde. Das Resultat seines ungeheuren Fleißes und Quellenstudiums ist die »Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter«, ein Werk, für das ihn die Stadt Stadt 1876 zum Ehrenbürger machte. Daneben sind seine Beiträge zum Zeitalter der Renaissance und des Humanismus wie etwa die Biographien der Lukrezia Borgia und Papst Alexander VI. von Bedeutung. Gregorovius gilt neben Jacob Burckhardt, Georg Voigt, Ludwig von Pastor und Alfred von Reumont als die Autorität der deutschen Renaissanceforschung des 19. Jahrhunderts. Nicht weniger bedeutsam, aber weniger bekannt sind seine Schriften zur griechischen Geschichte in byzantinischer Zeit (Athenais) oder die Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter. Bis zu seinem Tode war er Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Accademia Nazionale dei Lincei in Rom. [Wikipedia]
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