Vor fünf Jahrhunderten verkündete Martin Luther, das Seelenheil werde nicht durch Ablass oder Beichte erwirkt und nicht durch die Kraft der Kirche. Die von ihm ausgelöste Reformation erlegte jedem einzelnen Gläubigen eine große Verantwortung auf. Nur durch den Glauben und die Schrift erlangt der Mensch die Seligkeit - und auch das ist nicht garantiert. Zweieinhalb Jahrhunderte später stellte die Aufklärung die nächste Herausforderung dar: die Verpflichtung eines mündigen Menschen, sich des eigenen Verstandes ohne die Anleitung anderer zu bedienen. Der Protestantismus ging durch das Fegefeuer der Aufklärung und kam geläutert aus ihm heraus. Im 18. Jahrhundert hinterfragten protestantische Denker, ob die Geschichten der Bibel auch historisch wahr seien. Das 19. Jahrhundert verschob diese Fragestellung dahingehend, ob die historische Wahrheit der in der Bibel geschilderten Ereignisse für den Glauben überhaupt relevant sei. Theologen des 20. Jahrhunderts wie Karl Barth, Paul Tillich und Rudolf Bultmann rangen schließlich mit den Problemen der Göttlichkeit und Weltlichkeit wie Sankt Georg mit dem Drachen. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Der Protestantismus hat seinen kulturellen Kern aus den Augen verloren. Die Evangelische Kirche hat die verhängnisvolle Angewohnheit, sich fragwürdigen Ideologien an den Hals zu werfen. So war es in den 1990er Jahren ein vorwiegend protestantisches Milieu, das kritiklos den Neoliberalismus feierte und dessen absurde kapitalistischen Fehlentwicklungen und massive Ungerechtigkeiten ignorierte. Inzwischen ist an die Stelle jene Strömung getreten, die mit dem englischen Begriff "woke" bezeichnet wird und als harmlose Verirrung unterschätzt wird, obwohl sie alle Errungenschaften der freiheitlichen Moderne bedroht: Meinungsfreiheit, skeptisches Denken und eine Diskussion, die auf Fakten und logischer Evidenz beruht.
Geboren 1966 in Tübingen Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie im Marburg Freier Journalist in Berlin Dozent für Journalistisches Schreiben und Deutsch als Fremdsprache
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