Kodo Sawaki kam aus den ärmlichsten Verhältnissen, war als Kind Laufbursche in einem Viertel der Spieler und Huren, und er hat die Menschen zeit seines Lebens so genommen, wie er sie dort kennengelernt hatte: ohne Illusionen. Das merkt man seinen Sätzen an. Sie reden von Ärschen und Fürzen, von Bonzen und Banditen, von Premierministern, die nicht mehr taugen als ein heulendes Kind, dem man ein Bonbon hinhält. Und mitten in dieser Grobheit blitzt eine Zärtlichkeit auf, die man so kein zweites Mal findet. Wo Sawaki im Original flucht, flucht er auch auf Deutsch. Wo er einen Menschen einen Schafskopf nennt, steht hier kein geschätzter Zeitgenosse. Sawaki will uns aus der Narkose des gesunden Menschenverstandes reißen, und dazu braucht er die Sprache der Straße, nicht die des Katheders. Ein Zen, das nicht weh tut, hätte er für nutzlos gehalten - oder, schlimmer noch, für erbaulich. Dabei geht es im Zen um das Gegenteil: All unsere Vorstellungen von heiligen Wahrheiten und Erleuchtungszuständen zu zerstören. Als dieses Buch im Jahr 2002 beim Angkor-Verlag zum ersten Mal auf Deutsch herauskam, trug es den Titel "An dich". Diese beiden Worte, mit denen Sawaki den Leser in jedem Kapitel von Neuem direkt adressiert, drücken auf prägnante Weise aus, um was es in diesem Buch geht: Um dich und nur um dich! Da mag es paradox wirken, dass für diese Neuausgabe der Titel "Es geht nicht um dich!" gewählt wurde, denn schon im ersten Kapitel sagt Sawaki das genaue Gegenteil: "Merkst du denn nicht: Es geht um dich!" Beides ist wahr, und genau darin liegt die ganze Lehre. Zazen, sagt Sawaki, ist gut für nichts. Es bringt niemandem etwas, wenn du sitzt, am allerwenigsten dir selbst. Und im selben Atemzug: Es geht um dich, um niemanden sonst, denn dein Leben kann kein anderer für dich leben, so wenig wie ein anderer für dich essen oder schlafen kann. Ausgewählte Zitate: "Du kannst nicht einmal einen Furz mit deinem Nächsten austauschen. Jeder einzelne von uns muss sein eigenes Leben leben." "Du willst zum Buddha werden? Kraftverschwendung! Sei einfach du selbst, in jedem Augenblick. Wohin willst du, wenn du diesen Ort aufgibst?" "Was bringt dir Zazen? Überhaupt nichts! Wenn dir dieses "überhaupt nichts" nicht in Fleisch und Blut übergeht, sodass du tatsächlich überhaupt nichts tust, dann bringt das wirklich nichts." "Du glaubst, du hättest ein Ziel? Nur das Grab wartet auf dich! " "Du hast Angst vor dem Tod? Keine Sorge, das Sterben ist bislang noch jedem gelungen!"
Kodo Sawaki (1880-1965) gilt als einer der bedeutendsten Erneuerer des Zen-Buddhismus im 20. Jahrhundert. 1880 in der Präfektur Mie geboren, lief er schon als sechzehnjähriger von zu Hause weg, um Zen-Mönch zu werden. Es folgten lange Jahre der Übung und Wanderschaft. Später begann er Vorträge zu halten und die Praxis der Zen-Meditation sowohl für Laien als auch für Mönche zu lehren. Er wurde in den 1930er Jahren zum Professor an die angesehene buddhistische Komazawa-Universität berufen, übernahm nach dem Krieg aber gleichzeitig auch Verantwortung für den Antaiji, einen Tempel für die Zazen-Praxis, der damals noch im nördlichen Kyoto gelegen war. Seinen Spitznamen "der Kodo ohne Bleibe" verdiente er sich durch seine pausenlosen Reisen durch ganz Japan, um an jedem Ort Zazen zu lehren. Seine Sprache war alles andere als esoterisch. Sawaki sprach über den Buddhaweg so direkt, wie andere über Essen, Krieg, Geld, Eifersucht oder Müdigkeit sprechen. Die vorliegenden Texte stammen aus informellen Dharma-Vorträgen und Gesprächen, die Sawaki mit Schülern und Laien führte. Sie zeigen Zen in seiner unmittelbaren, ungeschönten Form - lebendig, widersprüchlich und von entwaffnendem Humor. Kodo Sawaki starb am 21. Dezember 1965 im Kloster Antaiji.
Nach seinem Tod wurde Kosho Uchiyama zu seinem Nachfolger als Abt von Antaiji. Uchiyama schrieb die Sprüche, die in diesem Buch gesammelt sind, zunächst als Anleitung für seine eigene Praxis nieder. Später beauftrage er seinen Schüler Shusoku Kushiya mit der Herausgabe, die 1986 erstmals erschien. Sawaki hatte auch auf das Zen in Europa großen Einfluss durch seinen Schüler Taisen Deshimaru, der kurz vor seinem Tod ordiniert wurde.
Shusoku Kushiya
Shusoku Kushiya, 1950 geboren in der Präfektur Niigata, wurde 1969 von Kosho Uchiyama zum Zen-Mönch ordiniert und praktizierte viele Jahre in Antaiji. Nachdem Uchiyama in den Ruhestand getreten war, lebte er in einer kleinen Klause in den Bergen nahe Uchiyamas Tempel, leitete Sesshins und kümmerte sich um seinen Meister, dessen Vorträge er transkribierte und dessen Bücher er herausgab. Inzwischen lebt Kushiya wieder in Niigata und bereist ganz Japan, um eigene Vorträge zu halten.
Muho
Muho Nölke lebt seit über dreißig Jahren in Japan und praktiziert Zen in der Linie von Kodo Sawaki und Kosho Uchiyama. Er wurde 1968 in Berlin geboren und kam mit 16 Jahren mit Zazen in Kontakt. 1993 wurde er in Antaiji, einem tief in den japanischen Bergen gelegenen Zen-Kloster, zum Mönch ordiniert und 2001 von seinem Lehrer als eigenständigen Zenmeister anerkannt. Er beschloss, als Obdachloser in Osaka zu leben, wo er eine Zengruppe leitete. Nach dem Tod seines Meisters wurde er 2002 zum Abt von Antaiji berufen. 2020 gab er sein Amt als Abt an eine langjährige Schülerin ab und zog mit seiner Familie wieder nach Osaka. Dort leitet er heute eine Meditationsgruppe und meldet sich bei YouTube fast täglich auch auf Deutsch zu Wort. Seine Übersetzungen und Bücher verbinden klassische Zen-Texte mit einem modernen, existenziellen Zugang, der Spiritualität nicht von den Widersprüchen des Alltags trennt.
Diese Übersetzung erschien erstmals 2002 unter dem Titel "An dich" im Angkor-Verlag. Die Neuauflage wurde sprachlich und editorisch von Muho überarbeitet und enthält ein neues Vorwort sowie ein persönliches Nachwort des Übersetzers.
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