Gibt es Gott? Der Mathematiker sagt: die Feinabstimmung des Universums legt es nahe. Die Assyriolgin sagt: sie hat zu viele Götter sterben sehen. Der Biologe sagt: Staunen ist kein Argument. Die Lehrerin holt Rilke aus der Tasche. Ein Samstagnachmittag im Englischen Garten, 1997. Sechs alte Freunde auf einer Decke, Wein und Kartoffelsalat, der Chinesische Turm in der Ferne. Und eine Brieftasche, die vor aller Augen verschwindet - spurlos, ohne Erklärung, mitten am helllichten Tag. Was folgt, ist kein Krimi. Es ist ein Gespräch, das niemand geplant hat und das keiner so schnell vergessen wird. Eine Novelle über die größte aller Fragen - und darüber, dass man sie stellen kann, ohne einander zu verlieren.
Miguel G. Baldío schreibt eine Prosa der leisen Verschiebung. Seine Geschichten setzen in scheinbar klaren Situationen an und führen sie beharrlich an den Punkt, an dem Gewissheiten brüchig werden. Im Zentrum steht weniger das Ereignis als die Wahrnehmung selbst: Erinnerung, Deutung und Wahrheit geraten in Bewegung, ohne sich je vollständig zu klären. Baldíos Schreiben verbindet erzählerische Strenge mit philosophischer Tiefenschärfe - eine Literatur, die nicht auflöst, sondern offenhält. Er lebt und arbeitet in Spanien und Deutschland.
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