Schlagworte: Arzt-Patienten-Beziehung, Gesellschaftskritische Novelle, Menschlichkeit in der Medizin, Bürokratie im Gesundheitswesen, ärztliche Verantwortung
Seit vierundachtzig Tagen sucht ein alter Hausarzt einen Nachfolger. Die Kollegen haben ihre Praxen an eine investorengetragene Kette verkauft, sein junger Mitarbeiter Jonas wechselt in ein modernes Versorgungszentrum. In der Kalkofengasse von Tethling aber öffnet der Doktor jeden Morgen seine Tür. Und das Patientenmeer strömt herein: Menschen mit Schmerzen, Ängsten und Hoffnungen, deren Leben sich in keiner Akte vollständig abbilden lässt. Am frühen Karfreitag wird er zu Kaspar Brandl gerufen, dem letzten Steinspalter der Gegend. Der schwer kranke Mann gerät in eine lebensbedrohliche Krise und will unter keinen Umständen ins Krankenhaus. Der Arzt bleibt. Zwei Nächte lang hält er an einem Bett aus, zwischen Infusionsschlauch und Herzkurve, Patientenwillen und eigener Verantwortung. Dabei muss er erkennen, dass auch seine Vertrautheit mit dem Kranken gefährliche blinde Flecken hat. Während er um Brandls Leben ringt, wartet anderswo eine Sterbende darauf, noch einmal Ostern zu erleben. Die Landschaft selbst ist ein Gedächtnis: Die Tethlinger Platte war einst ein Meer. In ihrem Kalk sind Fische eingeschlossen, deren Gestalt über Millionen Jahre erhalten blieb, während ihr Leben unwiederbringlich verschwand. Ein solcher Fisch wird zum Sinnbild dessen, was in einer lückenlosen Dokumentation verloren gehen kann. Doch die Gefahr kommt aus mehreren Richtungen. Regressforderungen, Zeitprofile, nicht ankommende Arztbriefe und digitale Zugangshürden verwandeln ärztliche Fürsorge in einen Kampf um ihre Anerkennung. Der Alte kennt den Nutzen moderner Technik; er hat selbst an vernetzter Versorgung mitgearbeitet. Nun erlebt er, wie zwischen berechtigten Regeln, wirtschaftlichen Interessen und zersplitterten Zuständigkeiten gerade das verloren zu gehen droht, wofür all diese Strukturen geschaffen wurden: der einzelne Mensch. Mit biblischen Bildern und philosophischem Witz erzählt Siegfried Jedamzik von ärztlicher Hingabe, Schuld, Eigensinn und Erschöpfung. Die Novelle verbindet einen dramatischen medizinischen Fall mit einer Betrachtung unserer Gesellschaft und ihrer Erwartungen an Gesundheit, Sicherheit und ein Leben ohne Grenzen. Zugleich erzählt sie von Freundschaft, Liebe und der Weitergabe eines Wissens, das in Händen, Blicken und Gesten wohnt. Was bleibt von einer Rettung, wenn die Statistik allein den Aufwand sieht? Und wer hält den Menschen, der ein Leben lang andere gehalten hat?
Prof. Dr. med. Siegfried Jedamzik ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Hochschullehrer und Autor. Seit mehr als vier Jahrzehnten verbindet er die Erfahrungen aus seiner hausärztlichen Tätigkeit in Ingolstadt mit dem Engagement für eine menschliche und vernetzte Medizin. Er studierte Medizin an der Universität Heidelberg und ist Professor für Informatik in der Gesundheitswirtschaft an der Technischen Hochschule Deggendorf. Als Gründer der Bayerischen TelemedAllianz und als Gründer und Vorsitzender des Ärztenetzes GOIN beschäftigt er sich mit der Frage, wie medizinische Versorgung über institutionelle und technische Grenzen hinweg gelingen kann. Zu seinen Arbeitsgebieten gehören Telemedizin, digitale Gesundheitsanwendungen und die Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen, Krankenhäusern und weiteren Beteiligten im Gesundheitswesen. Seine Veröffentlichungen widmen sich der integrierten Versorgung, der Gesundheitstelematik und dem Wandel ärztlicher Arbeit. Hinter diesen Tätigkeiten steht die Erfahrung des Hausarztes: die Begegnung mit Menschen, deren Krankheiten sich nicht vollständig von ihrer Lebensgeschichte trennen lassen. Die Praxis ist für ihn ein Ort, an dem gesellschaftliche Veränderungen im Einzelnen sichtbar werden: in Sorgen und Hoffnungen, in familiären Bindungen, im Älterwerden und in der Suche nach Orientierung. Diesen Erfahrungshintergrund überführt Jedamzik in seine literarische Arbeit. Sein Blick gilt dem Menschen hinter dem Befund und dem Arzt, der zwischen Verantwortung, begrenzter Zeit und den Ansprüchen des Gesundheitssystems seinen Weg finden muss. Im vorliegenden Buch werden Erinnerungen, Beobachtungen und berufliche Erfahrungen zum Ausgangspunkt einer erfundenen Handlung. Der Markt Tethling und die Tethlinger Platte bilden deren literarischen Schauplatz. Die Figuren sind eigenständige Schöpfungen; sie dienen keiner dokumentarischen Darstellung einzelner Patienten oder konkreter Behandlungsfälle. Auch dort, wo die Arztfigur autobiografische Anklänge trägt, bleibt sie Teil einer erzählten Welt. Jedamzik verbindet die Perspektive des praktizierenden Arztes mit der des Hochschullehrers und Gestalters gesundheitlicher Versorgung. Daraus erwächst die besondere Aufmerksamkeit für die Spannungen zwischen medizinischem Fortschritt und menschlicher Verletzlichkeit. Sein Schreiben fragt danach, was ärztliche Nähe bedeutet, wie Vertrauen entsteht und was Menschen in den Augenblicken trägt, in denen Gewissheiten brüchig werden.
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