Die vorliegende Studie versucht den Begriff des Liminalen bei Victor Turner neu zu lesen. Das Liminale ist für ihn in tribalen Riten ein Bereich, in dem sich die Begegnung mit einer absoluten Kontingenz kontrolliert vollziehen kann. Hier wird eine Kreativität möglich, durch die gesellschaftliche Strukturen hinterfragbar werden. Zugleich ist es aber auch eine Sphäre, in der Individuen durch psychosoziale Transformationsprozesse ihre sozialen Rollen wechseln können. Von der Wissenschaft wird oft ignoriert, dass Turners Beschreibung liminaler Phänomene von seiner existentiell-religiösen Sicht maßgeblich beeinflusst wurde. Dies führt in seinem Denken zu einer Idealisierung des Liminalen, die es notwendig macht, zentrale Schlüsselbegriffe neu zu lesen und begrifflich zu 'rejustieren': so werden auch 'Schattenseiten' liminaler Phänomene besser analytisch erfassbar. Auch zeigt sich, dass es bei der Übertragung des Liminalitätskonzepts auf komplexere Gesellschaften nötig ist, die Begrifflichkeit zu erweitern, was eine angemessenere Trennschärfe in der Beschreibung verschiedenster liminaler Phänomene ermöglicht.
Andreas Kraft studierte an der Universität Konstanz deutsche, englische und amerikanische Literatur. Dort promovierte er mit einer Arbeit zur deutsch-jüdischen Autorin Nelly Sachs. Er war als Doktorand / Postdoktorand Mitglied des DFG-Sonderforschungsbereich 511 Norm und Symbol (Universität Konstanz) und forschte in einem Projekt über generationale Identitäten in der deutschen Literatur nach 1945. Von 2010 bis 2014 war er als Postdoc an der Martin Buber Society of Fellows (MBSF) in Jerusalem.
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