Dresden, November 1984. Der Himmel hat die Farbe von nassem Beton, und die Luft schmeckt nach Braunkohle. In einem Land, in dem es offiziell keine Verbrechen gibt, braucht man auch keine Privatdetektive. Doch Lotte Wolram existiert trotzdem - irgendwo zwischen der dritten Flasche Goldbrand und der Gewissheit, dass die Wahrheit ein Luxusgut ist, das man nicht im Intershop kaufen kann. Lotte ist fünfzig und ihre Leber ist so müde wie ihre Ideale. Als das Ehepaar Winkler an ihre Tür klopft, bringt es eine Geschichte mit, die nach Paranoia riecht: Ein vertauschtes Baby. Ein Systemfehler im sozialistischen Mutterglück? Oder etwas weitaus Dunkleres, das in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit gar nicht erst vorkommt? Lottes Suche führt sie durch bröckelnde Hinterhöfe, in denen der Putz wie die Haut eines Sterbenden von den Wänden blättert, bis hinauf in die glitzernde Welt des Hotels Bellevue. Ihr einziger Verbündeter ist Hauptmann Paul Kramer, Major der Kripo, ihr On-Off-Liebhaber seit Jahrzehnten. Er ist der Mann, der die Unkräuter jätet, bevor sie die Planerfüllung stören. Er liebt Lotte obsessiv, doch in dieser Nacht muss er sich entscheiden, ob er sie schützt oder vor ihr die Grube aushebt. In einer Welt, in der eine Tüte Goldbären eine härtere Währung ist als Gold und eine Wodka nicht mehr gegen den Groll des Universums hilft, lernt Lotte eine bittere Lektion: Die Wahrheit ist wie der Sozialismus: im Prinzip eine feine Sache, aber in der Praxis zum Kotzen.
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